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Allein, oder zusammen, oder vielleicht beides? Wir scheinen uns zur heutigen Zeit nicht ganz einigen zu können, ob wir andere Menschen überhaupt brauchen. Irgendwie klappt das ohne die oft auch ganz gut, und um ehrlich zu sein: Die nerven eh saumäßig! Auf der anderen Seite ist es doch ganz nett mit ihnen und außerdem können sie Dinge, die wir nicht können, zum Beispiel Brot backe. (Ich liebe Brot!).

Können wir das mit diesen Mitmenschen also vielleicht auf irgendeine Weise so hinbiegen, dass wir zusammen, aber doch allein und irgendwie so, dass es Spaß macht? Der Relationalismus versucht das!

Der Relationalismus ist eine neue Wertevorstellung für die moderne Zeit und das Gegenstück zum momentan vorherrschenden Hyper-Individualismus. Er sieht den Individualismus allerdings nicht als Feind und will ihn nicht vom Thron schubsen, sondern solche Dinge wie Gemeinschaft und Beziehungen einfach auf seinen Schoß – oder daneben – setzen.

Die Ideen hinter dem Relationalismus entstanden aus Beobachtungen davon, dass der extreme Fokus auf das Selbst das Leben sinnlos und die Menschen egozentrisch, unsicher und einsam macht. Mehr dazu findet ihr im Artikel zum Hyper-Individualismus.

Die Grundideen und Konzepte für diesen Artikel stammen aus dem Buch The Second Mountain* bzw. dem Relationalist Manifesto von David Brooks.

Ein neuer Weg: Der Relationalismus. 

1. Beziehungen stehen an erster Stelle.

Als Gegenstück zum Hyper-Individualismus stellt der Relationalismus Beziehungen in den Mittelpunkt. 

Es geht darum, die Verbindung zu anderen wieder schätzen zu lernen. Wieder zu erkennen, warum wir andere Menschen brauchen und welchen enormen Einfluss eine Gemeinschaft, eine Community und das soziale Miteinander hat – sowohl auf unsere körperliche und geistige Gesundheit, sowie auch auf unser Glück, unsere Zufriedenheit und unseren Sinn im Leben.

Die Kernthese des Relationalismus lautet:
Das Leben ist keine einzelne und einsame Reise. Beziehungen sind das, was uns prägt, uns formt und unser Leben erfüllt.

2. Wir sind Teil eines großen Ganzen.

Unser Leben wird von der ersten Sekunde an durch andere Menschen beeinflusst und geprägt. Angefangen von unseren Eltern, über Verwandte, Kindergärtner*innen, Mentoren usw.

Das Leben ist sozusagen eine lange Aneinanderreihung von Beziehungen, die unseren Charakter, unsere Werte und unsere Einstellung formen und unser tägliches Glück – oder Unglück – ausmachen.

Und genauso, wie wir von außen beeinflusst werden, beeinflussen wir auch andere. Das, was du sagst, was du tust und was du fühlst, hat Einfluss auf andere und ist wichtig für die Leute in deiner Umgebung.
Jede deiner Handlungen hat direkte oder indirekte Konsequenzen für das Leben deiner Mitmenschen, sowie für das Leben ihrer Kinder und vielleicht auch sogar für das Leben deren Kinder.

Mit deinen Ideen, Verhaltensweisen und Gedanken gibst Du Deine Wertevorstellung, deine Kultur und deine Weltanschauung an die Menschen in deiner Umgebung und auch an zukünftige Generationen weiter. Du hast also – gewollt oder nicht – ziemlich viel Einfluss auf Deine Umgebung!

Im Gegensatz zum Hyper-Individualisten sieht der Relationalist eine Person nicht als autarke und unabhängige Einheit an. Für ihn ist klar, dass Persönlichkeit und Kultur nur im Wechselspiel mit anderen Menschen entsteht, sich formt und wächst.

3. Bedingungslose Liebe ist die Grundlage.

Die Basis für unsere Entscheidungsfähigkeit, unsere emotionale Reife, unsere Wertevorstellungen und … na ja, so gut wie alles andere, bildet sich in unserer Kindheit. Das wichtigste Kriterium dafür, dass diese Basis auch stabil wird, ist die bedingungslose Liebe eines anderen Menschen. 

Je bedingungsloser die Zuneigung und Liebe ist, die wir in unserer Kindheit erfahren, desto mehr Urvertrauen entwickeln wir in uns und die Welt. Und je weniger wir davon bekommen, desto liebloser und grausamer können wir als Erwachsene werden. (Hier, ein sehr ausführlicher Artikel aus dem Spiegel über Mutterliebe).

Die Bindung zu anderen spielt somit ungefähr die wichtigste Rolle für unsere Entwicklung und unser persönliches Glück. Darum legt der Relationalismus den Hauptfokus auf Beziehungen und auf moralische Werte, die ein gutes und liebevolles Miteinander unterstützen.

Von Beginn an steht das wir, vor dem ich.

P.S: Um jemanden mit schwieriger Kindheit nicht hoffnungslos zurückzulassen. Es ist möglich diese Basis durch spätere liebevolle und fürsorgliche Beziehungen aufzubauen. (Mehr darüber: (Englischer) Artikel über Bindungstypen.)

4. Der Relationalismus misst die Qualität des Lebens an der Qualität unserer Beziehungen.

Im Leben steht Qualität meistens über Quantität. Und wie das mit der bedingungslosen Liebe zeigt, zählt das insbesondere für unserer Beziehungen. Es geht nicht darum, wie viele Beziehungen wir haben, sondern wie intensiv und eng diese Beziehungen sind.

Eine intensive und enge Beziehung zu führen heißt nicht, dass wir nicht streiten oder das wir uns dauerhaft wohl und zufrieden in einer Beziehung fühlen – ganz im Gegenteil. Enge Beziehungen zu führen heißt füreinander da zu sein, auch wenn es mal eine schlechte Phase gibt, wenn jemand krank wird oder wenn jemand ein traumatisches Erlebnis durchmacht.
Es geht darum, die andere Person in ihrer Ganzheit anzunehmen, mit allen Stärken und Vorzügen, aber auch mit allen Fehlern, Schwächen und emotionalen Problemen.

Das heißt wiederum nicht, dass du in einer Beziehung bleiben sollst, die dir nicht guttut. Es gibt einen Unterschied zwischen „es gibt gerade große Schwierigkeiten und es läuft für eine Weile schlecht„, und ungesunden Beziehung voller Manipulation und emotionalem oder physischem Missbrauch. (Mark Manson hat ziemlich viel gute Artikel über gesunden und ungesunde Beziehungen.)

5. Verpflichtungen sind der Ursprung von Freiheit.

Lifehack: Wie man ein Erwachsener ist: Anderen Dinge versprechen und diese Versprechen halten.

Im Leben der Großen geht es darum Verpflichtungen einzugehen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Das klingt für die meisten Millennials – wie mich – nach einer ziemlich abschreckenden Vorstellung! Ich füge hier eine kurze Pause ein, bis sich bei allen Millennials das Hyperventilieren wieder einstellt.

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So… wenn wir uns jetzt das ganze Mal in Ruhe anschauen, erkennen wir vielleicht, dass Verpflichtungen vielleicht doch ein ziemlich guter Weg sein könnten, um die Freiheit zu bekommen, die wir uns so sehr wünschen.

Frei sein heißt tun und lassen zu können, was wir wollen, ohne uns eingeschränkt zu fühlen. Und das klappt paradoxerweise nur, wenn wir etwas so gut kennen, dass wir eine Vielzahl von Wahlmöglichkeiten haben.
Freiheit bedeutet, 15 Jahre in einer Stadt zu wohnen, alles zu kennen, und dich deshalb frei entscheiden zu können, was Du heute unternimmst. Freiheit bedeutet, 10000 Stunden Schach zu spielen, um dich dann frei entscheiden zu können, auf welche Eröffnung du heute Lust hast. Freiheit bedeutet, dass dein Partner dich so gut kennt, dass Du sein kannst wie Du willst, ohne böse Überraschungen zu fürchten.

Zugegeben, das ist nur ein Teil des Freiheitsbegriffs. Frei sein heißt auch, selbst wählen zu können, auf was man verzichtet. Die Person, die sich alle Wege offen hält, ist nicht frei; frei ist, wer sich selbst aussuchen kann, was er aufgibt (und es auch tut!).

Wir werden in einem anderen Arikel noch intensiver auf Freiheit eingehen.
Was ihr bisher mitnehmen sollt: Freiheit und Verpflichtungen sind keine Gegensätze, sondern zwei Seiten einer Medaille.

6. Relationalismus ist der Mittelweg zwischen Hyper-Individualismus und Kollektivismus. 

Der Hyper-Individualismus löst den Einzelnen aus jeder Form von Verbundenheit, während im Kollektivismus die Person von der Gruppe vollkommen verschlungen wird und der Einzelne als Teil einer gesichtslosen Herde endet.

Der Relationalismus ist der Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen. Im Relationalismus ist jede Person ein wichtiger Bestandteil eines dichten Netzes von intensiven Verbindungen und Beziehungen.

Ziel des Relationalismus ist es, eine Nachbarschaft, eine Nation bzw. eine Welt von vielfältigen und kreativen Menschen zu schaffen, die sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam ihr Leben bestreiten.

7. Relationalismus ist eine Lebenseinstellung. 

Der Relationalismus ist keine Ansammlung von Ideen, sondern eine Art zu leben. Es ist eine moralische Lebenseinstellung, die Grundlage für unser tägliches Denken und Handeln ist. Inspiration und Vorreiter dieser Einstellung sind Menschen wie: Edmund Burke, Martin Luther King Jr., Martin Buber und Dorothy Dan, Walt Whitman, von Jacques Maritain, Emmanuel Mounier, Martha Nussbaum und Annie Dillard, Gandhi, und William James.

8. Herz & Seele stehen über dem Ego.

Der Hyper-Individualist denkt: Ich muss mich stärker, besser, schlauer werden, um das zu bekommen, was ich will.“
Der Relationalist sieht das etwas anders oder eher: gänzlich umgekehrt. Für ihn gilt: „Ich besitze nur, wenn ich gebe.“, „Ich muss mich selbst verlieren, um mich selbst zu finden.“, „Ich werde stark, wenn ich mit etwas größerem hingebe.“

Es geht darum, die tieferen Bedürfnisse des Menschen wiederzuentdecken. Des Bedürfnisses des Herzens, nach tiefer Verbundenheit und das Bedürfnis der Seele, nach moralischen und ethischen Freuden des Lebens.

Die Schönheit des Lebens liegt für den Relationalisten in der Hingabe zu etwas größerem. Nur wenn wir uns einer Sache hingeben, die größer, wichtiger und bedeutender ist, als wir selbst, haben wir Einfluss auf die Welt – und wir haben eine Aufgabe, die wichtiger ist, als auf unsere Gefühle zu hören und Netflix zu schauen!

Die wichtigsten Personen der Geschichte sind wichtig, weil sie etwas vorangetrieben haben oder sich für etwas aufgeopfert haben, dass außerhalb ihrer selbst lag. Egal ob Politik, Religion, Gerechtigkeit, Armut, Kindererziehung oder auch einfach einem Sport wie Basketball oder einer Arbeit wie Sushi zubereiten.

Was unserem Leben Bedeutung gibt, ist die Hingabe an etwas, das größer ist, als wir selbst, sowie die bedingungslose Liebe, die wir anderen geben.

Wenn ich das so lese, klingt das abstoßend religiös! Auch wenn ich mit dem Zen-Buddhismus liebäugle, kann ich euch versprechen, dass keine religiöse Motivation hinter meinen Artikeln und meiner Einstellung steckt. David Brooks ist da schon weitaus religiöser, aber auch er will niemanden zu einer Religion bekehren.

Grundthesen des Rationalismus:

  1. Beziehungen stehen an erster Stelle.
  2. Bedingungslose Liebe ist die Grundlage.
  3. Die Qualität unsere Beziehungen stehen im Vordergrund.
  4. Freiheit wächst durch das Ausmaß unserer Verpflichtungen.
  5. Herz & Seele sind wichtiger als das Ego.

Das war ein Einstieg in die Konzepte des Relationalismus. Falls jemand Anmerkungen und Ideen oder auch eine kritische Meinung dazu hat, schreibt mir gerne eine Mail.


Quellen.

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