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Zeit für ein gemeinsames Feindbild!
Na gut… leider fehlt mir die Leidenschaft für einen Feind. Ich übe mich darin! Solange versuchen wir es ausnahmsweise mal ohne. Dennoch wollen wir etwas kritisch beleuchten: Den momentan extremen Fokus auf das Selbst (im folgenden Hyper-Individualismus genannt).

Die Grundlage für diesen Artikel ist das Buch The Second Mountain* bzw. das Relationalist Manifesto von David Brooks.

So viel zum Plagiatsschutz, jetzt etwas Kontext:
Es besteht immer ein Gleichgewicht zwischen Selbst und Gesellschaft.

Dieses Gleichgewicht gerät allerdings manchmal aus den Fugen, aufgrund von politische und moralische Einstellung oder extreme Krisen, wie Kriege und Epidemien. So wird für einige Generationen, der Druck der Gesellschaft einfach zu groß: Das Selbst fühlt sich eingeengt, bevormundet und erdrückt. Der Einzelne verspürt ein starkes Bedürfnis sich zu befreien und die eigene Individualität zum Ausdruck zu bringen. 

Im starken Kontrast dazu steht unsere momentane Einstellung: Wir sind durch und durch Individualisten. Alles dreht sich um mich, mein Wohl, meine Interessen, meine persönliche Entfaltung und meine Freiheit.

Und jede Idee hat eben ihre Schattenseiten, wenn man sie übertreibt!
Der Fokus auf das Selbst und der Verlust von Gemeinschaften ist ein Hauptgrund für die momentanen wachsenden gesellschaftlichen Probleme wie soziale Isolation, Misstrauen, Polarisierung, der Zusammenbruch der Familie, der Verlust von Gemeinschaft, Tribalismus, Depression, steigende Selbstmordraten.

Warum genau, das versuchen wir im Folgenden zu klären.

Konzepte & Probleme des Hyper-Individualismus.

1. Das Ziel des Hyper-Individualismus: Selbstverwirklichung.

Wir wollen alle nur das Eine: Individuelles Glück, Authentizität, Selbstverwirklichung und Selbstgenügsamkeit.
Unsere Moralvorstellungen und Verhaltensweisen sind Antworten auf die Frage: „Was kann ich tun, um mich selbst glücklich zu machen?“

Im Hyper-Individualismus ist jede Person autark und selbst für ihr Glück und ihre Zufriedenheit verantwortlich – unabhängig von ihrer Umgebung oder anderen Menschen.

Wir glauben: Alles liegt in uns. Wenn wir uns nur lange genug mit uns selbst beschäftigen, können wir alles erreichen und alle Probleme lösen.

Diese Einstellung gibt dem Selbst die volle Verantwortung für alle Umstände: von Armut bis Einsamkeit. Äußere Faktoren sind stark unterschätzt (siehe Social Mobility) und die Macht des freien Willens maßlos überbewertet (falls es sowas überhaupt gibt).

2. Im Hyper-Individualismus ist der Einzelne frei und unabhängig.

Hinter dem Individualismus steckt ein Emanzipationsgedanke: Das Selbst löst sich von den Ketten der Gesellschaft, der Religion, der Wirtschaft, der Familie usw. Der Einzelne steht auf seinen eigenen Füßen, bestimmt sein eigenes Schicksal und sichert seine eigenen individuellen Rechte.

Wir definieren Freiheit als die Abwesenheit jeglicher Verpflichtungen.  Jeder soll tun und lassen was er will, wann er es will und warum er es will. Keiner muss sich für nichts und schon gar nicht vor jemandem rechtfertigen!

Der Glaube, dass das, was wir tun, nur uns etwas angeht, erweckt allerdings den problematischen Eindruck, dass unsere Taten, Handlungen und Worte auch keine Auswirkungen auf andere Menschen bzw. die Umgebung haben.
Jeder ist schließlich selbst schuld, wenn ihn meine Worte und Taten beeinflussen und wenn er das verstehen würde, hätten wir auch keine Probleme!

3. Jeder darf seine Beziehungen frei wählen.

Familie, Nachbarschaft, Glaube und Nation werden von uns mehr als Last, anstatt als Bereicherung gesehen.

Für uns ist das beste Leben ein Leben, das uns die Möglichkeit gibt, jeden zwischenmenschlichen Kontakt, sowie unsere moralische und philosophische Weltanschauungen frei zu wählen.

Wir suchen nur nach Beziehungen, die uns guttun, uns voranbringen oder uns inspirieren. Damit das gelingt, knüpfen wir zwischenmenschliche Beziehungen an die Fragen: „Was bringst Du mir?“

Jeder, der anstrengend oder einfach nicht gut für uns und unser Chakra ist, darf reinen Gewissens vermieden werden!

Moralisch ist das schon fragwürdig aber die Schattenseiten zeigen sich erst so richtig, wenn wir in Not geraten, krank oder bedürftig werden.
Sobald jemand in solche Umstände gerät, wird er nämlich zur Last für uns. Und um uns nicht mit den Problemen von jemand anderem aufhalten zu müssen, geben wir ihn in die Hände von Spezialisten oder Einrichtungen – die bekommen zumindest Geld dafür!

Diese Einrichtungen sind zwar wichtig und richtig, können uns in diese Situation aber nicht geben, was wir wirklich brauchen. Sie können uns versorgen und pflegen, aber sie können sich nicht um uns kümmern.
Es fehlt die die Nähe, die Zuneigung, die Aufmerksamkeit und die Bindung, die uns nur Familienmitglieder oder ein enger Freund geben kann.

Ein Service kann uns nie das bieten, nachdem wir uns in schwierigen Lebenssituationen sehnen: Menschlichkeit.

4. Der Einzelne geht sein Weg alleine.

Der Hyper-Individualismus sieht den Lebensweg als individuelle Reise. Wir brauchen nur uns und unsere innere Stimme, um Sinn und Glück im Leben zu finden. Laut Mark Manson, brauchen wir allerdings mehr, als diese Stimme, um unserem Leben Sinn zu geben:

  1. Das Gefühl eine Gewisse Kontrolle über unser Leben zu haben.
  2. Den Glauben, dass irgendwas im Leben wertvoll ist.
  3. Eine Gemeinschaft / Community. 

Ohne ein Gefühl von Kontrolle fühlen wir uns dem Leben gegenüber machtlos. Ohne Sinn, scheint nichts im Leben erstrebenswert zu sein. Und ohne Community fühlen wir uns isoliert und unser Sinn verliert an Bedeutung.

Wir brauchen eine Gemeinschaft, um Vorbildern zu finden, die uns Halt geben, uns inspirieren und uns Wertvorstellungen vermitteln.

Besonders Kindern und Jugendlichen brauchen Vorbilder und jemanden, an den sie sich wenden können. Das Konzept der Selbstwirksamkeit funktioniert bei ihnen noch viel weniger als bei Erwachsenen. Da sind viel zu viel Hormone und sozialer Einfluss, der sie dazu bringt, cool, beschämt, dominant, abgemagert etc. zu sein. Um ihnen in solchen Krisen zu helfen, brauchen sie keine Selbstreflexion, sondern erfahrenen, ehrliche Erwachsene, die ihnen zuhören, ihr denken formen und ihnen helfen ihre Probleme zu lösen.

Und wir alle brauchen eine Gemeinschaft mit Menschen, die es wahrnehmen, wenn es uns schlecht geht, uns dazu bringen, darüber zu reden, ein offenes Ohr für uns haben und sich kümmern.

5. Im Hyper-Individualismus steht das Ego an erster Stelle.

Jeder will besonders sein, sich in der Welt profilieren; in Reichtum, Macht und Status steigen; besser als andere sein und gewinnen! 

Der Hyper-Individualismus legt Wert auf alles, was unserem Ego schmeichelt und vernachlässigt alle tieferliegenden Motivationen wie:

  • Verbindung, Zusammenhalt, Hingabe und Fürsorge.
  • Der Wunsch, in liebevoller Verbundenheit mit anderen zu leben.
  • Die Sehnsucht, sich einem Traum / Ideal zu verpflichten.
  • Die Sehnsucht, sich etwas höherem hinzugeben.

Das sind die Sehnsüchte des Herzens und der Seele. Diese, mehr selbstlosen, immateriellen und ziellosen Sehnsüchte gehen in unserer Zeit ziemlich unter. Sie werden unterdrückt von Konsum, Produktivität und dem Ego.

Diese Unterdrückung geht allerdings nicht spurlos an uns vorbei. Viele von uns spüren früher oder später, dass es noch mehr geben muss und das irgendwas fehlt in ihrem Leben.
Blöderweise fällt es uns verdammt schwer mit unbekannten und vagen Gefühlen umzugehen. Um also schnell eine Erklärung für diese Gefühle zu finden, fallen wir auf den vorherrschenden Selbstfokus zurück und denken: Es muss an mir liegen. Mit mir stimmt was nicht!

Jetzt haben wir zumindest einen rational greifbaren Anhaltspunkt: Wir müssen uns nur selbst besser kennenlernen und uns verbessern. Dazu gehen wir zum Beispiel auf Meditation-Retreats. (Nichts gegen Meditation, meine Lebensphilosophie ist inspiriert vom Zen-Buddhismus.) Oder wir versuchen unsere Bestimmung in den Sternen zu finden. (Das halte ich für maßlos absurd, aber hey… vielleicht bin ich noch nicht erleuchtet genug.)

Das Problem daran ist, dass der Ich-Bezug uns in diese Sinnkrise gebracht hat und mehr davon nicht der Ausweg ist.

6. (Selbst-)Liebe ist an Bedingungen gebunden

„Ich bin es erst wert geliebt zu werden, wenn ich den Status oder Erfolg erreicht habe, den die Welt von mir erwartet.“

„Ich bin Liebe nur dann würdig, wenn Ich der anderen Person etwas als Gegenleistung anbieten kann.“ 

„Wer ich bin, wird dadurch bestimmt, was andere über mich sagen.“

Alles ist an Bedingungen geknüpft: Nur wenn A, dann… kann ich oder jemand anders mich lieben, wertschätzen, mir ein Recht zu leben einräumen.
Dadurch geht jegliche Form emotionaler und spiritueller Sicherheit verloren. Es fehlt uns der Glaube an einen intrinsischen Wert im Menschen. Wir fühlen uns nur sicher, akzeptiert und geliebt, wenn wir etwas zu bieten haben oder leisten können. Das führt dazu, dass wir uns ständig vergleichen in Bezug auf Status, Macht, Geld, Follower usw.

Damit ist die Grundlage für Workaholics, das Hochstapler-Syndrom und unsichere Over-Achiever geschaffen: Menschen, die versuchen durch Leistung die Liebe, Bewunderung und Bindung, zu bekommen, die wir durch keine Leistung dieser Welt bekommen können.

7. Das ästhetische Leben steht im Vordergrund.

In den letzten Jahren entwickelte sich der Begriff ästhetisches Leben. Ein ästhetisches Leben ist wie ein nices Instagram-Profil: Nach außen wirkt es, als würden wir jeden Tag genießen, dauerhaft Abenteuer erleben und durchgehend die wunderschönsten Erfahrungen sammeln.
Das Problem: Diese Art des Lebens ist oberflächlich, ohne Tiefgang, ohne auf und ab, ohne Verantwortung und ohne großen Sinn. Es ist wie eine Wohnung zu dekorieren, in der keiner leben will, weil es weder Kühlschrank, noch Waschmaschine, noch Fenster gibt.
OK… vielleicht nicht mein bester Vergleich… was ich sagen will: Ein ästhetisches Leben ist schön, aber dysfunktional.

Früher oder später merken wir, dass Geld, Instagram-Follower und Reisen, irgendwie doch nicht die Dinge sind, die das Leben lebenswert macht.
Wie oben schon beschrieben, wissen wir aber nicht, was uns fehlt und intensivieren entweder unseren Ich-Bezug oder machen weiter, als wäre nichts gewesen – während wir langsam unzufriedener, gestresster, ausgelaugter und lustloser werden.

Schlussendlich können wir der inneren Leere nicht mehr entrinnen und enden ohne Antrieb, Ziel oder Ideale, inmitten einer spirituellen und moralischen Krise.

8. Der Selbstfokus schafft ein Paradox.

Der Hyper-Individualismus steht seinem wichtigsten Wert selbst im Weg: individuelle Freiheit. Durch das andauernde grübeln über uns selbst, wächst unsere Unsicherheit. Wir sind ständig damit beschäftigt uns infrage zu stellen: Mach ich das richtig? Bin ich richtig?

Durch erbarmungsloses hinterfragten und bewertet der eigenen Handlungen wird man Handlungsunfähig und schränkt seine Selbstwirksamkeit ein – im Hochleistungssport ist der Selbstfokus anstatt der Taskfokus eine der häufigsten Ursachen für Versagen.

9. Die Suche nach Auswegen aus dem Hyper-Individualismus hat schon begonnen.

Die Welt fängt an, gegen die Isolation und die Bedeutungslosigkeit des Lebens zu rebellieren. Menschen wollen wieder dazugehören, gehört werden und einen Sinn im Leben finden.

Das treibt zurzeit leider viele in die Arme von denen, die ihre Unzufriedenheit am lautesten ausdrücken: extreme Gruppierung. Diese Gruppen geben den Anschein von Verbundenheit, bewirken im Endeffekt aber das Gegenteil.

Zurück zum Feindbild: Die Mentalität extremer Gruppierungen basiert auf Misstrauen. Es geht um: uns gegen sie, Freund oder Feind, vernichten oder vernichtet werden. Das Denken dreht sich um den „Mangel“: Es gibt von allem zu wenig und wir müssen darum kämpfen, dass wir nichts verlieren. Alles, was anders ist, ist keine Bereicherung, sondern eine Gefahr.

In diesen Gruppen herrscht Angst und Wut. Wer sich ihnen anschließt, sucht nach Verbindung und Gemeinschaft, isoliert sich aber immer mehr und verliert sich im eigenen Groll und Misstrauen.

Die extreme Gruppierung ist praktisch der dunkle Zwilling der gesunden Community, welche den Fokus auf das Miteinander, das Wachsen durch Unterschiede und die unendliche Fülle der Welt legt.

Der ganze Fokus auf das Selbst des Hyper-Individualismus endet somit in tragischer und paradoxerweise: Das, was als Befreiung des Einzelnen begann, endet als Spaltung der Gesellschaft.
Diese Spaltung führt zum Kampf zwischen extremen Gruppierungen, die jeden Einzelnen mehr einschränken und mehr schaden, als ihn zu befreien.

Ein Wort zum Schluss.

Ich will mich mit diesem Beitrag nicht indirekt als jemand darstellen, der irgendwas besser macht. Mein Ziel ist es nur auf Probleme aufmerksam zu machen, die der extreme Fokus auf das Selbst mit sich bringt.
Ich sehe mich selbst genauso als Teil des Problems und muss noch ziemlich viel lernen und tun, um andere Meinung zu akzeptieren, andere Menschen mehr wertzuschätzen und mein Ego zurückzuschrauben.


Quellen.