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Unserer Rentner verarmen und vereinsamen, unsere Ärzte sind zunehmend überfordert mit modernen Krankheitsbildern und Fettleibigkeit scheint für alle ein unlösbares Rätsel zu sein.

Die Anforderungen der modernen Gesellschaft haben sich geändert. Und unsere Institutionen und Systeme sind zu groß und zu langsam, um mit diesen Veränderungen umzugehen. Mit dieser Aussage will ich nicht unsere sozialen Systeme angreifen – es gibt gute Gründe, warum sie sind, wie sie sind. Ich will nur verdeutlichen, dass gewisse Ansätze veraltet sind und wir anfangen müssen, etwas zu verändern. Wir müssen neue Ideen finden und Konzepte entwickeln, wie wir diese modernen Probleme verstehen und lösen können.

Auf der ganzen Welt stellen sich unzählige Menschen mittlerweile dieser Herausforderung. Sie experimentieren mit neuen Ideen und Konzepten, um gesellschaftlichen Wandel zu revolutionieren.
In diesem Artikel beschreibe ich 9 Prinzipien, die diese Menschen als Grundlage nutzen, um das Leben der Menschen ihrem Land oder ihrer Community zu verbessern.

1. Die Stärken und Fähigkeiten der Menschen nutzen.

„Hauptsächlich wurde er erfolgreich, weil ihm alles fehlte und er nichts konnte!“. Schon mal gehört? Ich auch nicht!

Wachstum und Veränderung sind die Auswirkungen unserer Potenziale, Fähigkeiten und Talente – nicht unserer Defizite. Jeder Einzelne von uns hat Stärken, die er einbringen kann, um sich selbst und die Gesellschaft zu unterstützen.

Anstatt diese Potenziale wertzuschätzen, fokussieren sich die sozialen Systeme momentan auf unsere Schwächen und Mängel. Es gibt Problemdiagnosen, Lückenanalyse und Tiefenpsychologie, um herauszufinden, was falsch mit uns ist: Sie ist krank, er depressiv, Ich arm und Du kriminell!

Dieser Fokus auf Defizite verschafft uns den Eindruck, dass wir ein unlösbares Problem haben, oder schlimmer noch, dass wir selbst eins sind. Je länger wir uns auf unsere Probleme konzentrieren, desto mehr empfinden wir unser Leben als Last – für uns selbst und für die Gesellschaft.

Vorreiter wie Peter Block und Hilary Cottam stellen deshalb den Fokus auf unsere Defizite schon länger infrage. In ihren Projekten drehen sie den Spieß um und konzentrieren sie sich darauf, die Stärken und Fähigkeit der Menschen zu entwickeln. Mittlerweile liefern sie viele erfolgreiche Beispiele dafür, was passiert, wenn man es den Menschen am Rande der Gesellschaft wieder ermöglicht, ihre Potenziale zu nutzen und selbst Verantwortung zu übernehmen.

Sie schaffen oft erst dann nachhaltige Veränderung in den Köpfen und den Leben der Menschen, wenn sie ihnen die Möglichkeit geben, ihre Fähigkeiten einzubringen und sich wieder als produktiver Teil ihres eigenen Lebens zu fühlen.

Um Menschen den Mut und das Vertrauen zu geben, dass Veränderung möglich ist, müssen wir sie dabei unterstützen, ihren eigenen Wert zu erkennen, ihre Stärken zu schätzen und ihre Potenziale zu nutzen.

2. Das Wichtigste für Veränderung: Beziehungen.

Hilary Cottam revolutioniert seit mehr als 15 Jahren den Bereich der sozialen Arbeit in England. In Radical Help* beschreibt sie 5 ihrer Projekte bezüglich Themen wie Armut, Jugendarbeitslosigkeit und Vereinsamung von Rentnern.

Ihr persönliches Main-Takeaway: Den größten Einfluss auf Veränderung haben zwischenmenschliche Beziehungen.
In jedem Projekt zeigte sich, das gegenseitiges Vertrauen, bedingungslose Unterstützung und ehrliche Gespräche die Zutaten sind, die Menschen brauchen, um ihre Lebenssituation zu verändern.

Auch die Psychologie weiß seit langem, dass der Hauptfaktor für den Therapieerfolg die Beziehung zwischen Klient und Therapeut ist. David Brooks beschreibt in The Second Mountain* immer wieder, wie wichtig unmittelbare Vorbilder und Idole in unserem Leben sind. Und über Sokrates wird gesagt, dass das Wichtigste an ihm sein Charakter war und seine Fähigkeit, andere zu inspirieren.

Unabhängig davon, wer auch immer es geschafft hat einen Schüler von Sokrates zu interviewen; Experten der Soziologie und Psychologie sind sich ziemlich einig, dass enge und unterstützende Beziehungen eine Grundvoraussetzung für Veränderung sind.

„We can remove a couple of life’s building blocks and still stand tall, but if we withdraw the relationships that underpin us we topple over. Relationships bring us joy, happiness and a sense of possibility.“ – Hilary Cottam

3. Jeder hat die Macht etwas zu verändern.

Du, sowie ich, sind sehr oft Teil des Problems, über das wir uns beschweren. Entweder machen wir durch unser Verhalten das Problem schlimmer oder wir tun einfach nichts, um das Problem zu lösen. (Sich aufregen zählt nicht als Lösungsansatz!)

Aber genauso, wie wir Teil des Problems sind, sind wir auch Teil der Lösung. Wir müssen selbst erkennen, wie wir zu einem Problem beitragen und dann unser Verhalten entsprechend verändern. Egal ob Umweltverschmutzung, Einsamkeit, Fettleibigkeit, Armut oder Drogenmissbrauch, Veränderung passiert, wenn wir aufhören darauf zu warten, dass unsere Nachbarn, die Spezialisten oder der Staat etwas unternehmen und selbst damit anfangen, etwas zu tun.

Wir können jeden Tag etwas anders machen. Das heißt nicht, dass wir damit direkt die Welt retten, aber das müssen wir auch nicht. (Diese romantische Vorstellung fördert meist eh nur das Prokrastinieren.) Klein anfangen, bei sich starten und für seine Taten Verantwortung übernehmen, sind die Schritte, die Veränderung möglich machen.

Jede Handlung, jedes Gespräch, jeder Schritt in die Richtung der Zukunft, die wir uns vorstellen, ist Teil der Veränderung.

Veränderung ist sehr selten ein von Oben–nach–Unten–Ansatz, sondern startet meistens in der Underdog-Rolle. Es beginnt mit einer kleinen Gruppe, die sich eine besser Zukunft vorstellt und sich der Vision mit Worten und Taten verpflichtet.

Um wirklich etwas zu verändern, muss jeder Einzelne seine eigene Handlungsfähigkeit entdecken, verstehen und akzeptieren.

4. Veränderung beginnt mit unseren Worten.

Der Autor Werner Erhard sieht Sprache als Grundlage jeder Veränderung. Wir erzählen uns Geschichten, Visionen und Konzepte und konstruieren uns so eine neue Welt. Dadurch, dass wir unsere Fantasien kommunizieren, werden sie Wirklichkeit – zuerst in unseren Köpfen und dann vielleicht auch in der Realität.

Jede Veränderung beginnt mit einer Veränderung davon, wie wir miteinander reden, wie wir einander zuhören und was wir überhaupt hören wollen.

Der erste Schritt zur alternativen Zukunft ist es Gespräche zu führen, die es so davor nicht gab; indem wir Konversation starten, die die Macht haben, etwas Neues zu schaffen.

Ziel ist es, alte Vorstellungen loszulassen und uns zu trauen neue Fragen zu stellen und neue Antworten zuzulassen.

5. Die Möglichkeit: Wir müssen sein, was wir verändern wollen.

Alles kann möglich sein. Mit Möglichkeiten meine ich hier eine Art Vorsatz. Ein Vorsatz, so zu leben, wie wir die Welt gerne hätten. Es ist eine Idee die Wirklichkeit werden kann, dadurch, dass wir sie leben. Wir tun so als wäre das, was wir selbst gerne in der Welt vorfinden würden, schon da: z.B. Frieden, Inklusion, Fürsorge, Liebe.

OK… das klingt etwas abgehoben. Fake it, till you make it, ist vielleicht der modernere Ausdruck. Wir suchen nicht nach etwas, sondern tun einfach so, als wär es schon da – easy!

Das Problem bei der ganzen Nummer: Die Vergangenheit will auch mitspielen! Dinge aus der Vergangenheit wie Vorannahmen, Vorurteile, Geschichten, Verletzungen etc. machen das Umdenken schwierig. Leider ist das unser Default-Mode und wir lassen unsere Gegenwart ziemlich oft von unserer Vergangenheit bestimmen.
Das hört sich dann ungefähr so an: „Ich kann das nicht, weil mir mal das passiert ist und, weil ich halt einfach so bin!“ Klingt vertraut?

Möglichkeiten zu leben heißt die Vergangenheit loszulassen und die Zukunft als Grundlage für die Gegenwart zu nehmen.

Was wir heute tun, wird das Morgen verändern. Wenn wir heute unser Potenzial für Frieden leben, kann morgen auch Frieden sein.

6. Soziales Kapital ist die Grundlage für persönliches und gesellschaftliches Wohlbefinden.

Robert Putnam beschreibt in Bowling Alone* den enormen positiven Effekt von Sozialem Kapital (lokale, menschliche Verbindungen & Beziehungen) auf die Gesellschaft.

In einer Studie nimmt er eine Reihe italienischer Städte unter die Lupe, um folgende Fragen zu beantworten:

  • Warum sind manche Städte demokratischer als andere?
  • Was macht eine Stadt wirtschaftlich erfolgreicher?
  • Wo sind die Einwohner am Gesündesten?
  • Wer erzielt bessere Bildungserfolge?

Er fand heraus, dass die für wichtig empfundenen Dinge wie Geografie, Geschichte, starke Führungspersönlichkeiten, ausgeklügelte Programme und wirtschaftlicher Vorteil nur zu einem Bruchteil für den Erfolg und das Wohlbefinden einer Stadt verantwortlich sind. Was den größten Unterschied machte, war das Ausmaß an Sozialem Kapital, das in einer Stadt vorhanden war.

Das Soziale Kapital einer Nachbarschaft / Stadt fördert die physische und mentale Gesundheit, Bildung, Jobchancen, Sicherheit etc. jedes einzelnen Mitglieds. Das liegt beispielsweise an der gegenseitigen Unterstützung, dem emotionalen Support und dem Gefühl von Identität und Zugehörigkeit. Allerdings haben auch wesentlich banalere Faktoren von Sozialem Kapital einen starken Einfluss auf das Wohlbefinden der Menschen. Kriminologen haben beispielsweise festgestellt, dass die Sicherheit eines Viertels mehr davon abhängt, wie viel Nachbarn sich beim Vornamen kennen, als davon, wie oft die Polizei sich blicken lässt!

7. Glück & Zufriedenheit kann man nicht konsumieren.

Jetzt um enttäuschenden Teil des Artikels: Wir können nicht alles kaufen. Gesundheit, Glück, Menschlichkeit usw. sind trotz Fat-Burner-Pillen, Heilsteinen und Human-Design-Workshops irgendwie nicht käuflich.

Was unsere allgemeine Zufriedenheit am meisten beeinflusst, sind unsere täglichen Entscheidungen. Kein Arzt kann etwas dagegen tun, dass wir uns täglich für den Burger anstatt das Gemüse und das Auto anstatt das Fahrrad entscheiden. Ein Arzt liefert Gesundheit im Ausnahmezustand, die restlichen 99 % der Zeit liegt es an uns, uns gesund zu halten.

Wir würden gerne weniger für unsere Gesundheit tun und mehr Gesundheit kaufen. Das Konsumdenken ist bei Dingen angekommen, die nicht käuflich sind. Trotzdem versuchen unsere sozialen und wirtschaftlichen Systeme alles käuflich zu machen.
Nehmen wir als Beispiel den Bereich der Pflege. Die Pflege zu professionalisieren und systematisieren führt zu einem Oxymoron. Ein System kann eine Dienstleistung anbieten, es kann sich aber nicht kümmern. Es kann keinen emotionalen Support, keine bedingungslose Liebe und keine Wertschätzung liefern. Und da solche Systeme oft auch skalierbar sein müssen, können sie noch weniger jeden Menschen aufgrund seiner individuellen Bedürfnisse behandeln.
Einem System wird es immer an Menschlichkeit fehlen und je mehr wir uns auf Systeme verlassen, desto mehr entmenschlichen wir uns.

Dinge wie Moral, Ethik und emotionale Reifen kann man nicht kaufen oder konsumieren. Diese Dinge kultivieren wir Menschen, indem wir unsere Kinder erziehen, unsere Rentner in die Gesellschaft integrieren und anfangen uns wieder um andere zu kümmern, anstatt sie – und uns – an Systeme abzugeben.

8. Veränderung beginnt in kleinem Maßstab.

Jede Veränderung muss ihren eigenen Weg finden. Jede Gruppe, Community, Stadt, System etc. funktioniert anders. Für Veränderung gibt es keinen Blueprint und keine One-Fits-All-Lösung. Veränderung braucht Gespräche – lange und anstrengende Gespräche. Es braucht: eine Vision, Ideen, Regeln, Kompromisse, Ungereimtheiten und kleine Fortschritte.

Wir verändern uns, indem wir eine Vision vorantreiben. Jedes Mal, wenn wir an unserer Vision arbeiten lernen wir, was für uns, unser Umfeld und unsere Gemeinschaft funktioniert.

Veränderung geschieht, weil Menschen sich dazu verpflichten, sich neuen Herausforderungen zu stellen, neue Dinge zu lernen und neue Beziehungen aufzubauen, um ihre Vision wahr werden zu lassen.

Veränderung ist ein Prozess, kein Ergebnis. Sie entstehen, weil wir eine Lösung erarbeiten, nicht weil wir eine Lösung haben.

9. Ein Problem existiert nicht in Isolation.

Probleme sind ein komplexes Zusammenspiel verschiedenster Bereiche des Lebens. Darum brauchen wir auch umfassendere und ganzheitliche Ansätze, um diese Probleme zu lösen. (Ich geh hier nicht näher darauf ein, aber Strive Together liefert zum Beispiel so einen Ansatz.)

Probleme wie Fettleibigkeit bei Kindern werden nicht dadurch gelöst, dass man Kinder zum Sport animiert. Oft sind die Eltern, sowie ein McDonald’s an jeder zweiten Ecke wichtige Faktoren, die man beachten muss, um die Ursachen des Problems zu beheben.

Auch wenn wir in der momentanen Zeit glauben, dass wir vollkommen unabhängige und selbstwirksame Geschöpf sind: Wir sind nicht alleine für unsere Probleme verantwortlich! Unsere Umgebung beeinflusst uns mehr als uns das lieb ist. Und wir müssen anfangen, sie als wichtigen Faktor für unsere Probleme und deren Veränderung zu sehen.

„What we can be or do depends on our inner worlds, our beliefs, our self-confidence, our skills and our concrete external realities: where we live, whether we have money, and how we are connected.“ – Hilary Cottam


Quellen.

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